Dienstag, 28. April 2015

Beloved Breaking Rules

Titel: Beloved Breaking Rules
Länge: 5887 Wörter
Genre: Angst, Hurt, Comfort, Fluff
Fandom: Fairy Tail
Pairing: ArcadiosxHisui E. Fiore 

Ich habe so meine Ideen dafür, wie Hisui und Arcadios zusammenkommen könnten, und dieser Oneshot ist eine davon. Zugegeben, auf "Beloved Breaking Rules" bin ich echt stolz, für die gesamten 10 Seiten hier habe ich gerade mal 3 1/2 Stunden gebraucht - und gefallen tut er mir auch und zwar sehr <3


Gezeichnet von der wundervollen isi-daddy!

Hisui wird zufällig Zeugin eines Gespräches zwischen Darton und Arcadios und erfährt etwas, was ihre Beziehung zu ihrem Ritter auf eine völlig neue Stufe stellt - und Regeln wie Spiegel zerbrechen lässt.


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Man erzählte sich ständig, eine Prinzessin zu sein, brächte unglaublich viele Vorteile mit sich.
Jedes ihrer Bücher sprach davon, beinahe jedes kleine Mädchen träumte davon und so manche Dame niederen Adels hing des Nachts solchen Schwärmereien nach – und zugegebenermaßen, sie hatten nicht einmal Unrecht damit.
Jedweder Wunsch wurde einer Prinzessin von den Lippen abgelesen, meist nur in dem Moment, in dem er gerade ihren Verstand das erste Mal als Gedanke gestreift hatte, sie trug die feinste Kleidung die es mit Geld zu kaufen gab, besaß den schönsten Schmuck, vieles davon sicherlich unbezahlbar wertvoll und nicht zuletzt die wundervolle Tatsache, dass ständig Diener um sie herumschwirrten, um ihr ohnehin schon kriminell komfortables Leben noch komfortabler zu gestalten.
Bei den Sternen, das waren Träume, aus deren samtener Umarmung eine junge Dame sich, völlig Zurecht, ungern lösen wollte.

Wäre ihr Zeitplan nicht so unglaublich streng, würde sie vermutlich selbst solchen Träumen nachhängen, oder zumindest jene Privilegien ihres Standes genießen – denn von den grausigen Zeiten, zu denen sie des Morgens aus dem Bett gescheucht wurde, von denen träumte selbstverständlich niemand, von jenen berichtete keine Literatur dieser Welt, da keine Prinzessin dieser Welt jemals Zeit dafür haben würde.
Hisui seufzte und gähnte hinter vorgehaltener Hand ausgiebig – natürlich erst, nachdem sie sich versichert hatte, dass niemand in der Nähe war.
Die Sonne war vor wenigen Stunden erst aufgegangen und verwandelte den von Raureif bedeckten Palastgarten Mercurius' in ein Sternenmeer, das selbst unter dem hellen Lichte der Sonne nicht verschwand. Verzückt starrte Hisui durch ihr Fenster hinunter, konnte den Blick kaum abwenden. Nach einer Woche hatte die Sonne es endlich wieder geschafft, sich durch die dichte Wolkendecke zu kämpfen und schien nun so hell, ließ alles so strahlend golden leuchten, als wolle sie diese verlorene Zeit wettmachen. Hisui hatte die Hände an die eiskalte Scheibe gelegt, das Gesicht so nah am Glas, das ihr Atem es beschlug - ihr Hauslehrer hatte darauf bestanden bei solche einem schönen Wetter ihren Sprachenunterricht vorerst ausfallen zu lassen, damit sie einen dieser wenigen Wintersonnentage in vollen Zügen genießen konnte. 

„Licht tanken für die dunklen Stunden“, hatte er es genannt und dabei gelächelt.
Kurzerhand sprang Hisui von ihrem Fensterbrett auf, schlüpfte in ihre hellen Winterstiefel, zog einen Schal aus einem der hinteren Ecken ihres Kleiderschrankes, warf sich ihren Pelzmantel kurzerhand über die Schulter und lief aus ihrem Zimmer die Treppe hinunter. Einmal mehr dankte sie dem Architekten dafür, dass ihr Zimmer in direkter Nähe zu einer Treppe lag, die hinunter zu einem kleinen Seitenausgang in den Palastgarten führte – ihr Lieblingsort, wo sie schon als kleines Mädchen Zuflucht gesucht hatte, vor wem auch immer. Zofen, Lehrern, den Wachen, manchmal sogar ihrem Vater.
Im Hinuntergehen schlüpfte sie in ihren Mantel, während die Stufen unter ihren Füßen förmlich dahinflogen – und wie jedes Mal, wenn sie diese Treppe hinunterhastete, betete sie darum, dass ihr nicht dasselbe geschah. Viele Leute hatten ihr schon gefühlte tausend Male gesagt, dass sie langsamer gehen sollte, doch wie schon damals hatte Hisui deren Sorgen höchstens für einen Tag oder gar eine Woche lang berücksichtigt. Und besonders heute galt es keine Sekunde zu verschwenden – wer wusste schon, wann die Sonne wieder hinter einem grauen Wolkengebirge verschwand?

Kaum war sie am Fuße der Treppe angekommen, machte sie sich schon daran, die kleine Seitentür zum Palastgarten zu öffnen – als sie plötzlich Stimmen hörte.
Sie hielt inne, lauschte für einen Moment.
Ganz eindeutig, Stimmen...und sie schienen zu streiten. Sie drehte den Kopf und schaute den Gang hinunter. Er war mit zahlreichen Türen gesäumt, allesamt kleine Aushilfsquartiere, Aufenthaltsräume, oder einfach kleine Rückzugsorte für Bedienstete, Wachen, oder Soldaten, die sonst keinen ruhigen Ort fanden – der Gang war ein kleiner Geheimtipp innerhalb der Palastmauern, Oasengang nannten ihre Zofen ihn scherzhaft – und es schien, das einer dieser ruhigen Orten momentan seinem Namen keinerlei Ehre zu machen schien.

Hisui trat langsam näher, hatte innerhalb weniger Sekunden ausgemacht, aus welcher Tür die Stimmen zu kommen schienen – was auch nicht schwer war, es war die einzige Tür, die ein wenig offen stand und so der kalten Luft des Ganges Einlass gewährten. Hisui fröstelte bei dem Gedanken.
Schon beim Nähertreten erkannte sie die Stimmen, selbst wenn sie sie nicht verstand – doch dass sie offenbar in einen Streit verwickelt waren, war selbst aus der Ferne deutlich zu vernehmen.

„--meine Gründe sind allein die meinigen!“, fauchte die erste Stimme, tief und kraftvoll und gerade so von Zorn erfüllt, dass Hisui sie beinahe nicht erkannte – erst nach wenigen Sekunden wurde ihr klar, dass es offenbar Arcadios' Stimme war. Aber warum in aller Welt war er so wütend? Es brauchte viel, um ihn--

„Nicht, wenn diese Gründe Euch in ein frühzeitiges Grab bringen werden!“, gab die zweite Stimme erhitzt zurück. Sie war ein wenig höher, rauer, älter..Hisui erkannte den Verteidigungsminister Darton dahinter bei weitem schneller als Arcadios' Stimme und schämte sich für einen Moment dafür. Sie trat ein wenig näher an die Tür heran, um besser zuhören zu können.

Ich wüsste nicht, was Euch mein Leben anginge, Lord Verteidigungsminister!“
Das war wieder Arcadios, die Stimme eisig, ablehnend und kalt – sie sah den Blick, den er dabei tragen musste, beinahe schon vor sich; sie bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken und machte sich mental eine Notiz, ihn niemals zu erzürnen.

„Glaubt Ihr allen Ernstes, das seiner Majestät, oder der Prinzessin damit geholfen ist, dass Ihr Euer Leben bei jeder sich Euch bietenden Gelegenheit aufs Spiel setzt?“
Dartons Stimme klang so, als müsse er sich zusammenreißen, um seinen Gegenüber nicht anzuschreien - Hisui erstarrte. Darum ging es also?

„Das --“, setzte Arcadios an, und Hisui meinte selbst draußen vor der Tür zu spüren, wie wütend er war, doch er kam nicht weit – Darton unterbrach ihn, offenbar kaum das er seinen Mund zu einer Antwort geöffnet hatte.
„Wollt Ihr allen Ernstes soweit gehen? Und all das für Eure geliebte Hisui?!“
Nun schrie der Verteidigungsminister wirklich, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Zorn – ebenso wie Hisuis Magen bei diesen Worten, während ihre Ohren von Dartons Stimme gellten. Wie bitte? Gelie--

Sie wurde unterbrochen, als ein lautes Geräusch ertönte, als habe jemand mit der Faust auf einen Tisch geschlagen – und das so heftig, dass alles Geschirr darauf protestierend klapperte.
Und all das für meine geliebte Hisui!“
Arcadios' Stimme war nur noch ein wutverzerrter Schatten ihrerselbst – er hatte die Worte so laut zurückgebrüllt, dass Hisuis Ohren für einen Moment klingelten...doch zusammen mit diesem Klingeln hörte sie plötzlich ein dumpfes Hämmern, schnell, als würde jemand einen flinken Rhythmus trommeln – sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es ihr Pulsschlag war, der ihr da in den Ohren dröhnte.
Mit einem Ruck wurde die Tür vor ihr aufgerissen, Hisui sprang mit einem Keuchen zurück – und sah sich Auge in Auge mit Arcadios, der die Tür mit einem wütenden Fauchen mehr ins Schloss drosch als wirklich fallen ließ, bevor er sie bemerkte.
Für einen Moment schien die Zeit um sie stillzustehen. Der Zorn auf seinen Gesichtszügen schmolz unter einem kurzen Ausdruck der Überraschung, des Schocks dahin, dass sie offenbar alles gehört hatte, oder zumindest den letzten Teil, bevor sie sich in seine übliche, nichtssagende Miene verwandelten. Hisui konnte ihn nur wortlos anstarren, zu eingeschüchtert von seiner Stimme, die zusammen mit ihrem donnernden Herzschlag immer noch in ihren Ohren dröhnte, förmlich an Ort und Stelle festgefroren von der Kälte in seinem Blick, auf die sie gerade noch einen Blick hatte erhaschen können.

Die zwei Sekunden, die sie einander taxierten, kamen ihr wie zwei Stunden vor. Keiner von ihnen rührte einen Muskel, schien den Atem anzuhalten und darauf zu warten, dass ein lautloses Signal ertönte, was ihnen es wieder gestattete, in den normalen Zeitfluss zurückzukehren...bis der Ritter schließlich leicht den Kopf neigte, mit einem kurz angebunden „Prinzessin“ grüßte, sich dann kurzerhand umdrehte und den Gang hinunterrauschte.
Erst als er außer Sichtweite war, was bei dem Tempo und der Größe seiner Schritte kaum zehn Sekunden dauerte, wagte sie, Luft zu holen – und sich mit einem langsamen Ausatmen an die Wand hinter sich lehnte, da sie für einen Moment fürchtete, ihre Beine würden sie im Stich lassen.
Das Gespräch der beiden Männer war so schnell geschehen, dass sie kaum die Zeit gefunden hatte, wirklich mitzukommen – doch nun, da sie es in ihrem Geist noch einmal Revue passieren ließ, schien ihr Herz mit jedem weiteren Wort schneller zu schlagen, ihre Knie mit jeder weiteren Sekunde immer weicher zu werden. Was um alles in der Welt...?

Sie atmete tief ein und begann erneut vom Anfang des Gesprächs.
Offensichtlich hatten sie sich über Arcadios' Verhalten gestritten, seine Gründe dafür, so zu handeln, wie er es eben tat. So unverschämt Dartons Ton auch gewesen war, sie konnte seine Bedenken durchaus verstehen, ihr Vater und sie selbst hegte sie immerhin selbst, doch hatte sie nun in all der Zeit, in der sie ihn kannte, gelernt, dass er nicht nur davon nicht abzubringen war, sondern auch gut auf sich selbst aufpassen konnte. Dementsprechend war seine Reaktion auch vollkommen verständlich gewesen, doch...
Sie spürte, wie eine ungewohnte Wärme in ihre Wangen stieg.
Und all das für meine geliebte Hisui. Das waren seine Worte gewesen...
Geliebte Hisui?
Sie musste eine Hand an die Wand legen, um nicht daran hinunterzusinken – ihr Kopf fühlte sich plötzlich so seltsam leicht an, ihr Magen kribbelte wie vom Flattern unzähliger kleiner Flügel.
Seit wann...?
Ein leises Lachen drang über ihre Lippen, vorsichtig und ungläubig, als sie den Gedanken taxierte, ohne ihn wirklich vollkommen zuzulassen – nein, das war zu absurd. Und doch war es ihr schon seit einigen Wochen so vorgekommen, als würde er sie anders ansehen, als er es sonst immer getan hatte, als habe seine Stimme einen anderen Klang, wenn er mit ihr sprach und zwar nur dann...
Hisui atmete aus, richtete sich auf und ging hinüber zur Tür, die zum Palastgarten führte – sie brauchte die kühle Winterluft zum Nachdenken.

Wegen des glänzenden Raureifs war sie nach draußen geeilt, doch nun ignorierte sie ihn vollkommen, war viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, die allesamt in Richtung eines gewissen Ritters wanderten. Sie starrte auf den Weg vor ihren Stiefeln, während sie ziellos durch den Garten wanderte und versuchte, ihren schwirrenden Kopf wieder zu beruhigen.
Vielleicht hatte er Dartons Worte nur wiederholt, um sein Argument abschmettern zu können, indem er es mit seinen eigenen Worten bestätigte...zugegeben, es sah ihm ähnlich, so etwas zu tun, und doch schien ihr Kopf ihr diese Formulierung in den Schädel hämmern zu wollen.
Und all das für meine geliebte Hisui, hatte er gesagt. 

Selbst in ihrer Abwesenheit hätte er sie nie beim Vornamen genannt, nicht ohne noch einen Titel, oder ein eingeschobenes „Prinzessin“, ihr Name war für ihn ein selbst auferlegtes Tabu, das hatte er selbst einmal so formuliert. Und selbst im Eifer des Gefechts, oder in der Hitze eines Streits würde er solch eine Gepflogenheit nicht einfach ablegen, dafür war er schlicht zu pragmatisch.
Mit einem frustrierten Seufzen gab Hisui sich mit beiden Händen einen Klaps auf beide Wangen, drehte sich um und starrte zurück auf die Türme Mercurius', die sich wie eine delikate Blume in den wolkenlosen Vormittagshimmel rankten.
Es half alles nichts – sie würde ihn zur Rede stellen müssen.








Im Nachhinein hatte Hisui keinerlei mehr Ahnung davon, wie sie die Zeit bis Sonnenuntergang verbracht hatte – den gesamten Tag hatte ihr Kopf mit Möglichkeiten geschwirrt, ihr Bauch so sehr gekribbelt, dass sie kaum stillsitzen, oder etwas essen konnte und ihre Konzentration, egal auf was, vollkommen zunichte gemacht.
Die Zeit hatte sich gezogen wie Sirup, eine Minute kam ihr vor wie eine halbe Ewigkeit, von einem halben Tag einmal ganz zu schweigen. Sie dankte den Sternen dafür, dass sie Arcadios an jenem Tag nicht noch einmal über den Weg gelaufen war, da sie nicht gewusst hätte, was sie hätte sagen, geschweige denn, wo sie überhaupt hätte beginnen sollen.
Und nun, da sie vor der Tür zu seinem Quartier stand, die Hand schon halb dazu erhoben, zu klopfen, fühlte sie sich so, als wäre seit der Begebenheit am Morgen erst eine Minute verstrichen.
Sie atmete leise aus – war es wirklich klug, ihn darauf anzusprechen? Vielleicht war es doch nur etwas gewesen, was er im Zorn von sich gegeben hatte, bei den Sternen, vielleicht zog sie diesen Zorn sogar noch auf sich, wenn sie ihn wieder daran erinnerte?
Wütend biss sie sich auf ihre Unterlippe und zuckte zusammen, als sie spürte, wie es schmerzte. Sie war nun hier und sie würde nicht ohne eine Antwort wieder gehen. Sie hielt den Atem an, und klopfte. 

„Herein.“
Seine Antwort kam kaum eine Sekunde nachdem ihr Klopfen verklungen war, und mit zittrigen Händen drückte Hisui die Klinke hinunter und schob sich durch einen Spalt in sein Quartier hinein, die Tür wieder hinter sich schließend.
Arcadios-sama?“, wollte sie fragen, doch ihre Stimme meinte genau in diesem Moment ihr den Dienst verweigern zu wollen, und ihre Worte in einem leisen Krächzen herauszubringen. Sie spürte jetzt schon, wie sie rot wurde – das konnte ja heiter werden.
Der Ritter saß vornübergebeugt an seinem Schreibtisch, war offensichtlich in ein Schriftstück vertieft, auf welcher er mit einem silbernen Füllfederhalter noch ein paar letzte Worte schrieb, bevor er ihm mit einem leisen Klacken die Hülle aufsetzte und ihn in eine kleine Schachtel am oberen Ende seines Schreibtisches legte. Dann griff er nach der Kerze, die ihm offensichtlich als Lichtquelle gedient hatte, blies sie aus und stellte sie zur Seite.
„Ich dachte mir schon, dass Ihr kommt“, murmelte er, beinahe so leise, dass sie es kaum vernehmen konnte. Langsam trat sie ein paar Schritte näher, stand nun mitten im Raum. Er hatte sich auf seinem Stuhl seitlich herumgedreht, ihr halb zugewandt, mit einem Arm auf der hölzernen Lehne und betrachtete sie schweigend.
Vom Kamin drang ein rötlicher Lichtschein herüber, schickte Lichtfetzen und Schatten gleichermaßen über seine kantigen Gesichtszüge und ließ Hisui für einen Moment den Atem anhalten. Sie bemerkte erst jetzt erneut, wie gut er in ihren Augen aussah...das Feuer gab seinen meergrünen Augen einen hellen Schein, ließ sie leuchten, schickte glänzende Flecken über seine dunkle Haut und sein rabenschwarzes, wie immer völlig zerzaustes Haar.

Sie stockte und schüttelte kurz den Kopf. Dafür war sie nicht hier – nun, vielleicht doch, aber das würde sich erst herausstellen müssen. Allein bei dem Gedanken schlug ihr das Herz wieder bis zum Hals, sie spürte, wie ihre Handflächen, die sie auf ihr Kleid gelegt hatte, feucht wurden.
Arcadios schwieg nach wie vor und schien ihr die Ankündigung des Grundes ihres Besuches überlassen zu wollen, auch wenn er natürlich wusste, warum sie hier war – insbesondere, wenn er sie bereits erwartet hatte.
Plötzlich wurde Hisui heiß – wie sollte sie anfangen? Darüber hatte sie nicht nachgedacht, obwohl sie soviel Zeit gehabt hatte...nein, wie einfältig! Und doch...er wusste, warum sie hier war, nicht wahr? Das machte eine zusätzliche Umschreibung der Gründe ihres Auftauchens völlig überflüssig.
Habt Ihr Eure Worte von heute morgen ernstgemeint?“, brachte sie schließlich heraus – seine Miene zeigte keinerlei Regung, was ihren Verdacht bestätigte. Er wusste, dass sie wegen seines Gespräches mit Darton hier war, oder besser wegen den Worten, die Darton und ihm herausgerutscht waren. Er antwortete nicht, und Hisui entschied, fortzufahren – auch wenn ihr Herz bei diesen Worten ihren Brustkorb förmlich zu sprengen wollen schien, und sie mit aller Macht darum betete, dass ihre Beine sie hielten. 

„Bin ich...bin ich Eure 'geliebte Hisui'...?“, fragte sie und hatte dabei souverän klingen, es wie eine normale Frage formulieren wollen...doch ihre Stimme entschied, es wie ein ersticktes kleines Flüstern über ihre Lippen zu bringen. Hisui spürte, wie sie rot wurde, nicht wegen ihrer Worte, doch eher, weil sie sich selbst nicht unter Kontrolle hatte – oder lag es doch an diesem Blick, mit dem er sie schweigend taxierte, ihr förmlich in den Kopf zu schauen schien?
Wieder antwortete er nicht, beschränkte sich darauf, sie mit diesem Blick anzustarren, der ihren Magen so heftig kribbeln ließ, als würden zehntausend Schmetterlinge dort gerade einen Tanz abhalten und Hisui meinte schon, sie würde unter diesem Blick sicher noch zusammenbrechen – bis er schließlich zu sprechen ansetzte, so abrupt, dass sie beinahe zusammenzuckte. 

„Und was soll ich Eurer Meinung nach nun darauf antworten?“, fragte er leise zurück, die Stimme so blank und bar jeden Gedankens, wie seine Miene unlesbar war und Hisui spürte ihren Mut sinken. Machte ihm das wirklich so wenig aus, wohingegen sie hier stand und allein unter seinem Blick schon Mühe hatte, ihre Haltung zu wahren?
Ein schmales Lächeln zupfte an seinem rechten Mundwinkel und Hisuis Herz sprang in ihren Magen hinab, ließ ihn einen Salto schlagen, bevor es in ihre Brust zurückkehrte und dort hämmerte – bildete sie sich diesen leicht entschuldigenden Anflug in seinen Zügen nur ein, fragte sie sich?

Denn egal was ich Euch antworten werde, es wird unser...“, er zögerte einen Moment, schien nach dem richtigen Wort zu suchen und bevor sie wirklich wusste was sie tat, ergänzte Hisui:
„....unser Verhältnis beeinträchtigen?“
Er nickte nur wortlos, ließ den Raum wieder in Stille versinken, nur durchbrochen vom leisen Knistern der Flammen in seinem Kamin, bevor er wieder die Stimme hob.
„Ich hatte gehofft, eine solche Situation vermeiden zu können“, sagte er mit einem Seufzen, die Stimme noch immer so blank, dass das Kribbeln in Hisuis Magen so plötzlich aufhörte, wie es begonnen hatte, „Da wir vermutlich noch eine Weile miteinander feststecken werden, wir zwei.“
Mit einer flinken Handbewegung zeigte er erst auf sie, dann auf sich, um seinen Punkt zu unterstreichen, bevor ein Lächeln über seine Lippen huschte – zittrig, gekünstelt und so unecht, dass er es kaum eine Sekunde aufrecht erhalten konnte, bevor er den Blick abwandte.
Hisui hatte ihren Atem unbewusst angehalten, doch nun, da er ihren Blick nicht länger erwiderte, war es nun an ihr, ihn anzustarren. 

Dieses Lächeln eben, selbst sie hatte erkennen können, dass es nicht echt war – und seine Stimme war so fürchterlich emotionslos, so viel seltsamer und so viel anders als die Stimme, mit der er sonst mit ihr sprach. Diese hier wirkte so wie das Lächeln – künstlich. Zwanghaft.
Sie atmete langsam und lautlos aus. Zwanghaft? Zwang er sich dazu, ihr so betont glatt zu antworten, ohne eine Emotion durchscheinen zu lassen...? Nun, diese Fassade hatte er mit diesem Lächeln ruiniert, und er wusste, dass sie es gemerkt hatte – dafür kannte sie ihn schlicht zu gut.
Er saß einfach nur da, den Kopf gesenkt, den Blick starr auf seine Hände gerichtet, so als könne er es nicht ertragen, sie anzusehen – und in Anbetracht seines Lächelns konnte er das wohl wirklich nicht. Doch bedeutete das...?
Hisui musste mehr herausfinden. Doch wie? Was sollte sie nun sagen, dass ihn dazu bringen würde, sich ihr anzuvertrauen? Was--
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als er plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, lachte. Leise, kurz, spöttisch – doch es war ein Lachen.

Vergebt mir“, murmelte er, zwar ein Lächeln auf den Lippen, doch die Stimme wieder so blank wie vorher.
Wofür?“, fragte ihr Mund leise zurück, bevor sie ihn aufhalten konnte, bevor die Worte überhaupt ihren Verstand erreicht hatten.
Er lachte erneut auf, doch es war so voller Bitterkeit, das Hisui beinahe zurückzuckte.
„Für diese eine Regel“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen, die Stimme plötzlich heftig, zornig, und Hisui zuckte zusammen, bevor er wieder mit dieser blanken Stimme fortfuhr, die Hisui innerhalb weniger Sekunden bereits hassen gelernt hatte, „Für diese eine Regel, diese eine verdammte Regel die ich nie hätte brechen dürfen, und es doch getan habe. Dafür.“
Er schüttelte den Kopf, lachte erneut auf, bitter und freudlos, fuhr sich mit einer Hand durch sein wirres Haar, als wüsste er nicht, wohin damit.

Sie war das größte Tabu überhaupt“, fuhr er fort, offenbar bemüht, diese blanke Stimme beizubehalten, doch es gelang ihm nicht – Hisui hörte die Bitterkeit deutlich heraus, „Und nun?“
Er machte nur eine unwirsche Handbewegung, die seinen Regelbruch symbolisieren sollte, bevor er diese Hand wieder achtlos in seinen Schoß fallen ließ. Arcadios schüttelte nur den Kopf, ungläubig, als würde er mit einem naiven Kind sprechen, bevor er wieder auf seine Hände starrte.
Langsam dämmerte Hisui, wovon er sprach – der Gedanke brachte ihren Magen wieder zum Kribbeln...doch bewirkte auch, dass ein Kloß in ihrem Hals meinte, ihr beinahe die Luft zum Atmen nehmen zu müssen.

Er sprach von ihr, ohne Zweifel. Von ihr und der größten aller Regeln für einen Ritter, einen Leibwächter wie ihn selbst, das größte Tabu für jemanden wie ihn.
Und er hatte sie gebrochen...doch, das bedeutete--
Hisui holte zitternd Luft, offensichtlich so laut, dass er es hörte, denn er zuckte zusammen. Sie atmete wieder aus, ebenso zitternd, griff mit ihren Händen den filigranen Stoff ihres Kleides, da sie nicht wusste, wohin mit ihnen, bevor sie wieder zu sprechen ansetzte.
„Bin ich...Eure 'geliebte Hisui?'“, fragte sie erneut, die Stimme nur ein ersticktes Flüstern, doch es war ihr gleich. Der Ritter hatte es gerade indirekt bestätigt, das, was ihr seit dem heutigen Morgen, schon seit Wochen, Monaten auf der Seele lastete. Doch sie brauchte Bestätigung, sie musste es von ihm hören...denn ebensogut wie sie ihn kannte, so gut kannte er auch sie, und konnte sie so gut lesen wie ein Buch – dementsprechend musste er wissen, dass--
Und doch, warum diese blanke Stimme? Warum diese Fassade? Nur wegen einem Regelbruch?
Langsam schaute er auf, begegnete ihrem Blick und Hisui war geschockt, wieviel Unsicherheit sie darin sehen konnte. Jetzt erst bemerkte sie, dass er in seinem Schoß die Hände gefaltet hatte, und zwar so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Könnt Ihr Euch das nicht denken?“, antwortete er, die Stimme plötzlich so gebrochen leise und flüsternd, dass es Hisui fast noch härter traf als jene blanke Stimme, die so betont viel verstecken wollte und es doch nicht schaffte. Nicht nur leise und gebrochen – schuldbewusst, ungläubig, bitter und erschöpft...wie lange versteckte er dies schon, fragte sie sich, dass er so unglaublich erschöpft klang? Oder hatte er nur bis heute dagegen angekämpft, dieselben Zweifel und Gedanken mit sich durch den Tag geschleppt, wie sie?
Bevor sie ihn fragen konnte, hatte er den Blick wieder abgewandt, wieder mit einem leichten Kopfschütteln – angewidert. Doch nicht wegen ihr, wegen sich selbst...der Anblick tat Hisui in der Seele weh.
Langsam, zögerlich trat sie auf ihn zu, vorsichtig, so als wolle sie ihn nicht mit einer abrupten Bewegung erschrecken, bis sie ihn erreichte. Arcadios hatte den Blick abgewandt – er hatte sicher gehört, wie sie nähergekommen war, doch wagte es augenscheinlich nicht, ihr in die Augen zu sehen, zu beschämt ob seiner Verfehlung. Seiner Verfehlung...fast schon wollte Hisui über diesen Gedanken lachen.
Oh, wenn er nur wüsste...doch das würde er bald. Sehr bald.
Sie stand nun vor ihm, betrachtete wie er wie ein Häufchen Elend dasaß, die Hände auf dem Schoß gefaltet, den Blick beschämt abgewandt – der Anblick schmerzte fürchterlich.
Hisui lehnte sich nach vorn, und legte eine Hand an seine Wange, damit er sie ansah.
Er hatte schon zu sprechen angesetzt – doch Hisui legte ihre Lippen auf seine, um ihn daran zu hindern.

Der Kuss sandte einen Schock durch ihren Körper, für einen Moment fühlte sie sich so, als würde sie fliegen, ihr Kopf schwirrte – und Arcadios ging es nicht anders. Der Ritter war wie erstarrt, bewegte keinen Muskel und ließ sie einfach gewähren - sie musste sich beinahe dazu zwingen, ihre Lippen wieder von seinen zu lösen und sich wieder ein wenig von ihm zu entfernen; und dazu, nicht loszulachen, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.
Überraschung oder Schock waren absolute Untertreibungen dafür, was sich gerade auf seinen Zügen abspielte, er starrte sie an, als habe sie ihm gerade offenbart, sie wäre in einer Liaison mit Darton, oder die geheime Göttin Earthlands.
Zumindest für einen Moment, dann, für den Bruchteil einer Sekunde stand plötzlich ein so heftiger Schmerz in seinem Gesicht, dass es nun an Hisui war, schockiert zu schauen.
„Was tut Ihr da?“, fragte er, die Stimme wieder nur ein gebrochenes Flüstern, so völlig anders, so komplett anders als die Stimme des Mannes, den sie als Arcadios kannte – Hisui spürte, wie Zweifel in ihr wuchsen. War dies wirklich eine gute Idee gewesen? Für ihn musste es so wirken, als wolle sie ihm seine Verfehlung noch zusätzlich unter die Nase reiben, ihm noch zusätzlich Salz in offene Wunden streuen. Doch weit gefehlt...
Sie nahm seine Hände in ihre, hob sie und setzte sich auf seinen Schoß, bevor sie ihm antwortete.
„Ich breche die Regeln.“
Sie saß zwar auf seinem Schoß, musste sich aber trotzdem strecken, um an seine Lippen heranzureichen, um ihn erneut zu küssen – weder lehnte er sich weg, noch drehte er den Kopf um ihren Lippen auszuweichen...er tat einfach gar nichts, schien wie auf seinem Stuhl festgefroren. Doch Hisui meinte, seine Lippen bewegten sich unter ihren Lippen – leicht, aber sie taten es. Es würde also sicher nicht mehr lange dauern, bis er –
Ihr Gedanke wurde unterbrochen, als er sich plötzlich bewegte – doch bei weitem schneller und heftiger, als sie erwartet hatte. Innerhalb eines Augenblickes hatte er ihre Hüfte gepackt, hatte sich (und sie) aufgerichtet und sie erfolgreich zwischen sich und seinem Schreibtisch eingesperrt. Sie hatte sich reflexartig mit ihren Händen auf der Tischplatte hinter ihr abgestützt und bevor sie sich auch nur rühren konnte lagen seine Hände über ihren und nahmen ihnen erfolgreich jegliche Bewegungsfreiheit.
Die Zweifel, die eben in ihrem Kopf zu flüstern begonnen hatten, begannen zu murmeln, immer lauter, bis ihre Stimmen unüberhörbar wurden.
„W-was tut Ihr da?“, wiederholte sie seine Worte von eben, die Stimme ebenso unsicher, doch eher ängstlich als so gebrochen wie seine.
Arcadios starrte auf sie hinunter, und sie musste den Kopf beinahe in den Nacken legen, um zu ihm emporsehen zu können, so nah standen sie beieinander.
Ich folge den Regeln“, erwiderte er, die Stimme nicht mehr gebrochen, sondern ernst und bestimmt, doch immer noch so leise, als seien seine Worte nur für sie bestimmt.
Hisui wand sich ein wenig, versuchte ihre Hände zu befreien, musste jedoch feststellen, dass er sie erfolgreich jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt hatte – er rührte sich unter ihren Bemühungen keinen Zentimeter, starrte lediglich auf sie hinunter und beobachtete sie bei ihrem fruchtlosen Unterfangen. Schließlich gab sie auf und sah wieder zu ihm empor – sie konnte sich auch nicht auf die Zehenspitzen stellen, um wieder an seine Lippen heranreichen zu können...also beschränkte sie sich auf Worte.
„Ihr befolgt die Regeln also, selbst wenn es Euch Schmerzen bereitet?“, fragte sie – sie wusste, dass sie damit einen Nerv traf und bereute ihre Worte sofort, als sie wieder Schmerz in seinen Zügen und seinen Augen aufblitzen sah, wenn auch nur für einen Moment.
„Selbst dann.“
Die Stimme der Zweifel in ihrem Kopf wuchsen zu einem stetigen Chor heran und Hisui fiel ein wenig in sich zusammen – plötzlich fühlte sie sich nicht mehr so sicher wie eben noch. War dies wirklich eine gute Idee gewesen? Was, wenn sie hier auf völlig falsche Argumente pochte, seine Reaktionen der letzten Wochen und des heutigen Morgens vollkommen falsch interpretiert hatte? Das wäre ein Fauxpas ohnegleichen...Hisui spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg, spürte das stetige Stechen immer größer werdender Schuldgefühle. Dieser Schmerz in seinem Gesicht war nicht gespielt gewesen, und sie hatte darauf gepocht, so aufdringlich zu sein, und –
Der Gedanke traf sie wie ein Hammerschlag.
Dieser Schmerz auf seinem Gesicht war nicht gespielt gewesen! Das musste doch bedeuten...das musste doch bedeuten, dass er wirklich die Regeln gebrochen hatte.
Es musste so sein – er hatte diese Regel gebrochen, diese eine ungeschriebene Regel, das ein Ritter keine tiefere Beziehung mit seinem Protégé einzugehen, geschweige denn sich in ihn zu verlieben hatte.
Das Kribbeln in ihrem Magen kehrte mit einer Intensität zurück, dass Hisui beinahe fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren – und unwillkürlich war sie froh darüber, wie eng sie und Arcadios beieinanderstanden.

Wollt Ihr dies hier denn nicht?“, fragte sie leise, spielte Ignoranz, legte soviel Unsicherheit in ihre Stimme wie möglich, sah ihm so tief in die Augen, wie sie konnte – und erstarrte förmlich zu Eis, als er sich plötzlich hinunterbeugte, und sie küsste.
Zwar kurz und drängend, doch die Nachricht, die er damit hatte übermitteln wollen, kam ohne Zweifel so an, wie sie hatte ankommen sollen.
Er löste sich kaum eine Sekunde darauf wieder von ihr, seine Lippen jedoch so nah an ihren, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spürte, und meinte, ihr Gesicht finge Feuer, so heiß fühlte es sich auf einmal an.
„Und ob ich es will. Aber es...geht nicht. Wir sollten nicht....“
Seine Stimme verlor sich und er lehnte sich wieder ein Stück zurück, da ihm offenbar die Worte dafür fehlten, das auszudrücken, was er hatte ausdrücken wollen – Hisui hingegen lehnte sich vor, so gut sie konnte, brachte sie wieder so nah zusammen wie eben.
„Seit wann kümmert es Euch, was ihr 'solltet'?“, gab sie kühl zurück – er beachtete Regeln zwar stets, doch übertreten würde er sie ohne zu zögern, sollte es seiner Sache dienlich sein, das war unbestreitbar eine Tatsache.
Er hob für einen Moment die Augenbrauen, fast so, als ob er dieses Argument nicht erwartet hätte – er und ein Argument nicht erwarten? - bevor er mit einem leisen Seufzen eine Hand zu ihrer Wange hob. So heiß, wie sich ihre Wangen anfühlte, musste er sich doch beinahe daran verbrennen...
„Hört mir zu“, flüsterte er wieder mit diesem gebrochenen Flüstern, das beinahe begann, ihr die Tränen in die Augen zu treiben, „Ich möchte dies mehr als ich sagen kann, aber...aber ich kann nicht. Allein wegen Euch.“
Hisui redete sich ein, sich das unterschwellige Flehen in seiner Stimme nur eingebildet zu haben – nur auf diese Weise konnte sie verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen und beinahe schon drohten, ihr über die Wangen zu rollen.
Sie erwiderte seine Geste, hob ihre nun freie Hand zu seiner Wange und strich so sanft darüber, wie sie nur konnte.
„Hör endlich auf damit“, flüsterte sie erstickt – ihr Gesicht mochte die Tränen zurückhalten können, doch ihre Stimme verriet sie, entlockte seinen Zügen wieder Überraschung, Schock, Schuldgefühle, aus Angst darüber, der Grund für diese Tränen sein zu können.
„Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, wie du mich ansiehst? Glaubst du, ich wüsste nicht, dass du bemerkt hast wie ich fühle?"
Je mehr sie sprach, desto klarer wurde es ihr selbst – das Kribbeln in ihrem Magen begleitete sie nicht erst seit dem heutigen Morgen, sondern schon eine ganze Weile...seit dem Eclipse-Projekt, seit dem, was er für sie getan hatte, seitdem sie darüber nachgedacht hatte, was er ihr bedeutete. Seitdem sie zwei Tage in purer Angst um sein Leben hatte verbringen müssen – er bedeutete ihr mehr, als sie je für möglich gehalten hätte und es wurde Zeit, dass er es erfuhr...wenn er es nicht schon längst wusste.

Ich habe es bemerkt“, antwortete er leise und ein leises, ersticktes Lachen kam über ihre Lippen – hatte sie es doch gewusst, er war schlicht zu aufmerksam. Der Fakt, dass er ihre informelle Anrede komplett überging, ließ ihr das Herz erneut höher schlagen...Doch sie war noch nicht fertig.
„Warum dann deine Zweifel?, fragte sie leise weiter, „Hast du Angst, mir könne etwas geschehen?“
Arcadios wandte den Blick ab – Hisui hatte ins Schwarze getroffen, das hätte sie sogar gemerkt, selbst wenn sie über kein Augenlicht verfügt hätte.
Mit einer Handbewegung brachte sie ihn wieder dazu, sie anzusehen, und fuhr fort:
„Deine Aufgabe war und ist es, mich zu schützen“, sagte sie leise, betonte jedes Wort so eindringlich wie möglich, er sollte es verstehen, sollte es so sehr..., „Und so wirst du es umso mehr.“
Erneut wandte er den Blick ab, biss sich wie unbewusst auf die Unterlippe und Hisui atmete tief durch – er würde ihr glauben, dafür würde sie sorgen. Und dafür würde sie ihm nichts als die Wahrheit sagen.
„Arcadios, ich liebe dich“, sagte sie leise, aber mit soviel Nachdruck in der Stimme, dass er zusammenzuckte. Für einen Moment sah er sie an, Unglaube in den Augen, fast schon, als erwarte er, dass sie zu lachen begann und ihn wegen seines Gesichtsausdruckes aufzog – doch nichts dergleichen geschah. Er senkte den Kopf, atmete tief ein und seufzte leise – sie spürte seinen Atem auf ihren bloßen Schlüsselbeinen und ihrem Dekolleté und glaubte kaum, dass ihr Gesicht noch roter werden konnte, doch so wie es sich anfühlte, war dies der Fall.
„Das hatte ich befürchtet...“, murmelte er und der Ton, in dem er dies sagte, zauberte Hisui ein Lächeln auf die Lippen. Sie schaffte es, ihre andere Hand freizubekommen, legte beide Hände auf seine Wangen und zwang ihn dazu, sie anzusehen. Seine Miene verriet zuviel, als dass sie sie nicht anstarren konnte – Unglaube, Erwartung, unsichere Freude...fast so, als wüsste er nicht, ob es schon sicher wäre, seinen Lippen wieder ein Lächeln zu gestatten.

Ja, das tust du“, sagte sie und hinderte ihn erfolgreich daran, den Kopf erneut wegzudrehen, „Und so wie ich dich kenne, tust du das schon seit Monaten.“
Sie hielt seinen Kopf so fest, dass er nicht einmal nicken konnte, also beschränkte er sich auf ein Lächeln und sie wusste, dass sie Recht hatte, also fuhr sie fort.
„Und du weißt auch, dass ich fürchterlich stur sein kann.“
Für einen Moment wurde sein Lächeln zu einem Lachen – und wie sie damit Recht hatte. Sie hätte sein Lächeln nicht einmal gebraucht, um ihr dies zu bestätigen, er wusste es besser als beinahe jeder andere, mit Ausnahme ihres Vaters vielleicht. Mittlerweile konnte sie nicht einmal sagen, wer der beiden sie besser kannte.
Langsam, vorsichtig nahm sie die Hände von seinen Wangen – doch sein Lächeln blieb dort. Immer noch unsicher, ein wenig ungläubig...doch mit einem Mal so fröhlich, als habe man einen Schalter umgelegt...und Hisui wurde klar, dass sie das hatte.

Sie hatte ihm jegliche Zweifel genommen, alles offengelegt, was sie vor ihm schon so lange hatte offenlegen wollen. Für einen Moment befürchtete sie schon, ihr würden Freudentränen über die Wangen rollen – beschränkte sich jedoch auf ein überraschtes Keuchen, als er sie plötzlich erneut anhob und mit einem Ruck auf den Tisch hinter ihr setzte. Kaum sah sie wieder auf, spürte sie seine Stirn auf ihrer, so nah, dass sie meinte, er müsse spüren, wie heiß ihre Wangen war, musste die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, doch deutlich sehen...
Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen, verschmitzt mit einer Prise Arroganz – und ihr so schrecklich vertraut, dass sie ihn umarmen und nie wieder loslassen wollte.
„Glaubst du, du wirst mit mir fertig?“, fragte er, die Stimme zu einer spielerischen Drohung gesenkt – Hisui antwortete ihm, indem sie die Arme um seinen Hals schlang, ihn zu sich hinunterzog und ihn küsste.
Es war nicht wie vorhin – diesmal erwiderte er den Kuss sofort, ihre Lippen und Zungen bewegten sich gemeinsam so, als hätten sie ihren Lebtag nichts anderes getan und Hisui meinte, ihr Herz müsse ihren Brustkorb zertrümmern und ihr Magen bersten vor zuviel Schmetterlingen darin.
Als sie sich nach einer Ewigkeit wieder voneinander lösten, war das erste, was sie sah, ein warmes Lächeln.

Ich liebe dich, Hisui“, flüsterte Arcadios ihr zu – nicht gebrochen, sondern kraftvoll, voller Emotion und so sehr wie der Mann, den sie schon beinahe ihr gesamtes Leben kannte, dass ihr Herz drohte, vor Freude überzuquellen, „...aber das weißt du ja schon.“
Sie lachte, laut und herzlich.


Ja. Seit heute Morgen.“

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