Dienstag, 15. Juli 2014

Namenloser Oneshot

Titel: Namenlos
Länge: 2.854 Wörter
Genre: One-Shot, Fluff, Hurt
Fandom: Fairy Tail
Pairing: Arcadios x Hisui E. Fiore

Dieser Oneshot hat keinen Namen - eigentlich eine Schande, da müsste ich mir wirklich nochmal ernsthaft Gedanken machen, denn verdient hat er ihn wirklich, so nach fünf Stunden Arbeit...

Entstanden ist er durch eine Herausforderung meines guten Freundes Inu, der obendrein noch das Thema "Das OTP unter einem Regenschirm" gewählt hat ... nun ja, ich kann mich nicht beschweren. ^-^ Genutzt wurde dafür selbstverständlich Arcadios x Hisui *hust*

Inus (GaLe-)Part des Battles findet man hier! Anklicken! Lesenswert! Und zwar sehr! Mehr als sehr! Übersehr! Sehr sehr sehr! Sehr...sehr lesenswert. Ja. Ich denke, das war verständlich. :)


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Sie erinnerte sich an den Herbstregen.
Ihr Kleid war so durchnässt, dass es mit ihrer Haut zu verschmelzen schien, durch die Nässe so dunkel, als hätte es die umliegende Erde in sich aufgenommen, für sich beansprucht.
Doch dies bemerkte sie kaum, ihr Körper durch die Kälte des fallenden Wasser so taub, dass sie ihn beinahe nicht mehr spürte.
Sie erinnerte sich an Tropfen um Tropfen, himmlische Tränen, so eisig wie die ihren brennend waren – ebenso heiß und brennend wie das Stechen in ihrer Brust, das jeden Herzschlag in eine Pein ohnegleichen wandelte. Jeder Atemzug schmerzte wie ein Messerstich – die Taubheit der Kälte kam, und sie empfing sie mit freudig offenen Armen.
Sie erinnerte Augen – steinern, leblos und starr wie die ihren. Der Engel, zu dem sie gehörten, war ebenso steinern, leblos und starr – ein Abbild der Königin, das ihr nicht gerecht wurde, und doch so sehr verkörperte, dass das Stechen in ihrer Brust ihr Mal um Mal den Atem nahm. Sie erwiderte den kalten, toten Blick, blickte in ein steinernes Gesicht und sah doch nichts.
Nur Regen.
Jedwedes Gefühl schwand, legte sich schlafen in den behutsamen Armen des kalten Regens tauben Gefährten. Jedwedes Gefühl schwand – doch das brennende Stechen, der heiße Schmerz in ihrem Herzen blieb, drohte sie zu ersticken. Oh, könnte ihr Herz doch einfach aufhören zu schmerzen, zu schlagen...
Sie erinnerte sich an Wärme.
Plötzlich und unerwartet war sie da, auf ihrer Schulter, kälter als das Stechen, doch wärmer als der Regen. Eine Berührung; menschlich, warm, tröstend – unwillkürlich spürte sie, wie das kleine Feuer der Wut, welches sie schon erstickt geglaubt hatte, wieder aufwallte. Der Wievielte war es nun, der ihr sagte, sie müsse aufstehen, gehen, wieder fühlen, spüren, diesen Schmerz weiter ertragen? Sie wollte nicht gehen. Sie wollte nicht fühlen, nicht hören. Untergehen, untergehen und nie wieder auftauchen, ja, sich der Taubheit vollends hingeben...
Sie erinnerte sich an Worte.
„Wollt Ihr mich zum Gehen bewegen?“, fragte ihr Mund, ohne dass sie wirklich gewahr wurde, was sie tat.
„Nein“, antwortete ihr eine Stimme neben ihr, menschlich, so kühl wie der Regen und doch wärmer. „Warum seid Ihr dann hier?“ Ihre Lippen formten Worte, ihr Mund gab ihnen einen Weg hinaus – ein Flüstern, kaum lauter als der Regen. Ein Gespräch, geführt von ihrem Mund, ihren Verstand kümmerte es nicht...
„Warum seid Ihr es?“
Sie erinnerte sich an Wut.
Ein kurzes Aufwallen heißen Zorns, ein Stechen und Ziehen, angenehmer als das peinigende Schlagen ihres Herzens, einfacher greifbar. Sie umhüllte es und für einen Moment schien die Taubheit zurückzugehen, ihr widerwillig einen Teil der Kontrolle überlassend; ihr Kopf fuhr herum, Augen und Kehle so brennend heiß wie ihre Haut kalt war.

Wie könnt Ihr es wagen?! Meine Mutter ist-“
Ihre Stimme kam kaum über ein Flüstern hinaus, während ihre Kehle im schieren Inferno ihres erstickenden Herzens zu verbrennen schien; sie kam nicht weit. Ihr Verstand kannte den Mann, der neben ihr kniete, kannte dessen Stimme, dessen Hand auf ihrer Schulter.
Sie erinnerte sich an Verwirrung.
Distanz und Kälte hätten die Beinamen dieses Mannes sein können, kühl und distanziert wie der Regen; und doch war er hier, wärmer als des Himmels Tränen, so viel näher als gewöhnlich.
Ihr Mund weigerte sich, den Satz zu Ende zu führen, ihre Stimme so brüchig wie der Stein auf dem sie kniete.
„Verlust ist natürlich“, sprach er, die Stimme ebenso ein Flüstern, kaum lauter als der Regen, den Blick unverwandt auf ihre Augen gerichtet. Sie kannte seine Augen; kühl und berechnend – nicht jedoch so seltsam warm und voll Sorge – hatte die Taubheit nun auch ihre Augen gefordert? Nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen...aber sie wollte sie sehen, diese Augen, wollte diese Stimme hören...
„Jeder hier kennt dieses Gefühl.“
Sie konnte sehen, wie ein Lächeln über seine Lippen huschte, so schnell wie ein Regentropfen, flüchtig wie ein Blitzschlag – obgleich schmal, so war es doch warm und tröstend. Die Taubheit wich zurück, dämmte den Schmerz ihres Herzens ein; sie spürte ihn wie durch Watte hindurch, ein dumpfes, heißes Pochen.
„Ihr seid nicht allein.“
Die Wärme auf ihrer Schulter schwand, gab der Kälte Raum – sie fröstelte unwillkürlich, spürte die Taubheit weiter zurückgehen, etwas anderem, weicherem, dunklerem weichend.
Seine Hand war nun genau dort, ihr entgegengestreckt in einer stummen Aufforderung, der Wärme wieder Platz zu schaffen, wieder zu fühlen, wieder zu...
„Bitte.“
Es war so leise gesprochen, dass sie es beinahe für Einbildung hielt – ein Flüstern...es konnte nur eine Illusion des Regens sein – so bittend, so voll Flehen, voller Besorgnis...?
Sie erinnerte sich an Wärme, als sie seine Hand nahm, erinnerte sich an die Schwere ihrer Glieder, als sie sich erhob, versuchte zu stehen.
Sie erinnerte sich daran, dass ihre Beine sie nicht trugen, sie zu stürzen drohte – sie erinnerte sich an Wärme, an das kurze Gefühl zu fliegen. Regen und Wärme wurden eins - die schützende Wärme zweier Arme, das beruhigende Pulsieren eines ruhigen Herzens, die Hitze eines starken Körpers.
Sie flog – über Erde, Stein, einen Weg aus Kies, so hell, wie ihr Verstand dunkel zu werden drohte. Sie erinnerte sich an die toten Augen des steinernen Engels – leblos und doch voller himmlischer Tränen. Sie erinnerte sich an die Farbe des Himmels, so kalt wie der Engel, ebenso grau, ebenso tränenreich.
Sie schloss die Augen – und erinnerte sich an Dunkelheit.


Mit einem leichten Kopfschütteln verscheuchte Hisui die Erinnerung wieder in ein hinteren Winkel ihres Verstandes, richtete ihren Blick durch die Scheibe nach draußen, auf die Straßen von Crocus. Obgleich sonst täglich gut gefüllt, so waren sie heute wie leergefegt – was bei einem solchen Starkregen wie diesem aber auch keineswegs verwunderlich war.
In ihrer Erinnerung war der Regen wohl ähnlich stark gewesen, der letzte wirklich heftige Regenfall in den letzten drei Jahren – drei Jahre und sie erinnerte sich noch an beinahe jede Einzelheit so klar, als würde sie jedes Mal aufs Neue danebenstehen. Damals, an jenem Tag, hatte der Himmel wohl danach getrachtet, die Welt in eine weitere Sintflut zu stürzen – und seltsamerweise genau heute, an exakt demselben Datum, schien er sich ebenjener Sache erneut zu besinnen. Hisui seufzte; manchmal waren Zufall und Schicksal einander wirklich zum Verwechseln ähnlich. Sie zog ihren Mantel ein wenig enger um sich, erhob sich von dem Fensterbrett auf welchem sie es sich gemütlich gemacht hatte und betrat die schmale Wendeltreppe, die sie von der Spitze eines der Palasttürme hinunter zu einem kleinen Seitenportal hinaus in den Palastgarten führte. Sie konnte fühlen, wie die Erkältung, welche sie am Abend sicherlich haben würde, ihre Nase jetzt schon kitzelte, ob der schieren Sintflut dort draußen...Ein tiefer Atemzug noch trennte Hisui von dem wässrigen Weltuntergang nur Zentimeter vor ihr; sie wollte gerade hinaustreten, als eine Stimme sie zurückhielt.
„Einen Moment.“
Im Gegensatz zu vor drei Jahren verband Hisuis Verstand nun Stimme und Name innerhalb eines Augenblicks; mit einem leichten Lächeln wandte sie sich um, grüßte den Ritter mit einem freundlichen Nicken - und musste prompt ein leises Lachen unterdrücken. Arcadios' Miene blieb zwar unbewegt, aber Hisui meinte, den Anflug eines kleinen Lächelns auf seinen Lippen zu entdecken, als er ihr ohne ein weiteres Wort einen, noch immer sorgfältig eingepackten, Strauß Blumen entgegenstreckte. Sie nahm den Strauß mit bemüht ernster Miene entgegen, schob das Papier zur Seite, um hineinzusehen – der Drang, zu Lachen, war fort, als hätte er nie existiert.
„Weiße Lilien?“, fragte sie mit Verwirrung in der Stimme, während die Erkenntnis sich schon ihren Weg bahnte, „aber das sind -“
„Grabblumen“, ergänzte der Ritter mit einem kurzen Nicken, auf dessen Lippen sich, angesichts ihrer offenkundigen Verwirrung, nun doch ein Lächeln ausbreitete. „Ihr erwartet doch nicht, dass ich einen Tag wie jenen vergesse?“
„Nein, selbstverständlich nicht“, antwortete Hisui zögerlich, den Blick nicht von den Blumen wendend – natürlich erinnerte er sich. Hatte sie wirklich erwartet, dass er diesen Tag vergaß – diesen Tag, an dem sie beide praktisch das erste Mal wirklich miteinander zu tun gehabt hatten? Versonnen betrachtete sie die Blumen in ihren Händen – auf einmal bahnte sich eine weitere Erkenntnis ihren Weg in ihren Verstand und brachte sie dazu, Arcadios erneut einen leicht verwirrten, wenn auch amüsierten Blick zuzuwerfen.
„Ihr benanntet Eure Rüstung also nach einer
Grabblume?“, fragte sie und versuchte erst gar nicht, das offenkundige Lächeln aus ihrer Stimme zu verbannen. Arcadios' Lächeln verbreiterte sich ein winziges Etwas, als er ihre Frage mit einem Nicken bestätigte.
„Eine etwas bösartige Ironie, aber ich kann nicht sagen, dass sie mir missfällt.“
Mit diesen Worten ging er an ihr vorbei zu dem kleinen Seitenportal in den Palastgarten, schaute kurz hinaus, taxierte den Regen für einen Moment mit mehr als nur offensichtlichem Unmut. Dann hob er die Hand, von der Hisui erst jetzt bemerkte, dass sie etwas hielt, und spannte den von ihm offenkundig mitgebrachten Regenschirm mit einer flinken Bewegung auf. Es schien beinahe so, als spüre er Hisuis Blick und drehte den Kopf, um ihrem leicht verwunderten Blick mit einer hochgezogenen Augenbraue zu begegnen.
„Ich wiederhole mich ungern“, sagte er, „Aber Ihr erwartet doch nicht, dass ich einen Tag wie jenen vergesse?“ Mit der freien Hand machte er eine wegwerfende Geste in Richtung des Regens, den leicht skeptischen, aber doch amüsierten Blick nicht von ihren Augen abwendend. Er winkte sie mit einer Hand heran und machte ihr deutlich, sie möge doch nach draußen treten. Sie tat wie geheißen und gemeinsam betraten sie den steinernen Pfad, der durch den Garten führte – und zum Grab der Königin.
Obgleich der labyrinthgleiche Palastgarten für die Öffentlichkeit zugänglich war, so wussten doch nur die wenigen, die den Weg kannten, um die kleine, versteckte freie Fläche nahe der Palastmauer, auf welcher sich die königlichen Gräber befanden – Hisuis Vorfahren hatten den städtischen Friedhof den Bürgern lassen wollen, hatte sie sich sagen lassen und selbst Generationen vor ihr waren dieser Tradition treu geblieben.
Sie und Arcadios verbrachten den Weg in vollkommener Stille, nur unterbrochen vom Geräusch der eigenen Schritte und des beständigen Prasseln des Regens auf den dunkelblauen Schirm – bis Hisui schließlich nach kurzem Zögern das Wort erhob.
„Warum begleitet Ihr mich?“, fragte sie; zwar deutlich zu spät, wie ihr selbst sehr wohl bewusst war, aber dennoch mit Interesse. „Etwa lediglich meiner Sicherheit wegen?“ Der letzte Teil hatte eigentlich scherzhaft klingen sollen, doch dieser Anschein verflog, in Anbetracht des ernsten Blickes, den sie dafür erntete. Seine hellen Augen suchten ihre etwas dunkleren nur kurz, bevor er sich wieder dem Weg vor ihnen widmete, nun jedoch nicht ernst, sondern nachdenklich.
„Einerseits wegen Euch“, antwortete er langsam, „Andererseits aus Respekt und Dankbarkeit Ihrer Majestät gegenüber.“
Hisui lag die Antwort schon auf den Lippen, als eine Windböe durch den Garten fegte, ihnen kaltes Wasser ins Gesicht stob und ihre Worte nur in ein überraschtes Zusammenzucken verwandelten – während Arcadios gar nicht darauf zu reagieren schien. Die Prinzessin fröstelte und zog ihren Mantel mit einer schnellen Bewegung enger um sich, bevor sie sich ihm wieder zuwandte – er war wieder in Schweigen verfallen, offensichtlich nicht gewillt, von sich selbst aus mehr preiszugeben.
„Dankbarkeit wofür?“, hakte sie schließlich nach und blinzelte gerade langsam genug, um das Lächeln, welches über sein Gesicht huschte, noch zu sehen, bevor es wieder verschwand.
„Ihre Majestät, Eure Mutter, ist...“, er warf ihr erneut einen Blick zu, musterte sie sekundenlang ohne ein Regung zu zeigen, bevor er sich wieder dem Weg zuwandte, „...Nun, sie ist der Grund für meine Anwesenheit hier.“ Hisui konnte nicht genau sagen, was für eine Antwort sie erwartet hatte – jedoch gewiss keine solche.
„Das ist sie?“, fragte sie erstaunt nach, bevor sie sich stoppen konnte; den Ritter schien es jedoch nicht zu stören, im Gegenteil. „In der Tat. Eine etwas längere Geschichte, und...“, er machte mit der freien Hand eine kurze Geste gen Himmel, „...absolut keine, die sich dafür eignet, im Regen erzählt zu werden.“ Erneut suchte sein Blick den ihren, diesmal mit einem wirklich sichtbaren, warmen Lächeln – es sah dem von vor drei Jahren ungemein ähnlich.
„Soviel sei jedoch gesagt: Wäre sie nicht gewesen, wäre ich heute nicht hier.“
Die Antwort lag Hisui erneut schon auf den Lippen, doch die Worte erstarben, bevor sie ihnen Leben geben konnte, als Arcadios plötzlich stehen blieb. Sie folgte seinem Beispiel und seinem Blick mit den Augen und spürte prompt den, ihr über die Jahre schon vertraut gewordenen Stich im Herzen.

Der Anblick des grauen, steinernen Engels traf Hisui bei jedem einzelnen Besuch aufs Neue - doch mittlerweile hatte sie gelernt, dessen stechenden Blick zu ertragen, ohne wie vor drei Jahren in einen annähernd tranceartigen, von Trauer und Verzweiflung herbeigeführten Zustand zu verfallen. Sie hatte damals die folgenden Tage unter ärztlicher Aufsicht verbringen müssen, aufgrund von zu starker Verkühlung und der daraufhin folgenden Erkältung, die kaum schlimmer hätte sein können – hätte Arcadios sie an diesem Tag nicht dazu gebracht, das Grab zu verlassen, hätte es für sie bei weitem schlimmer ausgehen können, hatte sie damals die Ärzte sagen hören. Warum gerade
er dazu in der Lage gewesen war, fragte sie sich noch heute – kein anderer, nicht einmal ihre, ihr eng vertraute Kammerzofe hatte an jenem Tag zur ihr durchdringen können; aber er schon. Die Ironie dahinter war ihr erst wenige Tage darauf klargeworden – hatte sie doch aufgrund seines distanzierten Verhaltens angenommen, dass nichts und niemand ihn kümmern würde, sie selbst eingeschlossen. Oh, wie falsch sie damit gelegen hatte...
Die Lilien wirkten seltsam unwirklich auf der grauen, kalten Steinplatte zu des Engels Füßen, in ihrer Reinheit beinahe schon stechend – doch Hisui vermochte es kaum, sich von deren Anblick lösen. Wie damals vor drei Jahren kniete sie davor, und starrte zu den steinernen Augen des ebenso steinernen Engels empor, erinnerte sich an die Wärme und Stärke in denen seines menschlichen, königlichen Abbildes. Ihr Tod lag nun schon beinahe zehn Jahre in der Vergangenheit – Hisui war damals elf Jahre alt gewesen und selbst noch sieben Jahre danach hatte sie dieser Verlust mehr als nur schwer getroffen – besonders in einer Phase wie der damaligen. Mit dem Eclipse-Projekt in vollem Gange, hatte die Vorsehung einer finsteren Zukunft, der restlosen Vernichtung ihres geliebten Landes, besonders an Tagen wie jenen, ihren vollen Tribut gefordert.
Nun lag es endlich hinter ihr – hinter
ihnen; Hisui dankte jedem existierenden Gott aus ganzem Herzen dafür, dass ihr damaliger Plan funktioniert hatte – zumindest was Arcadios und dessen ungeplante Inhaftierung betraf. Und all der Strapazen, der stellenweise schier endlosen Verzweiflung und Wochen blankliegender Nerven zum Trotz, musste sie doch zugeben, dass es sie zusammengeschweißt hatte; nun verging kaum mehr ein Tag, an welchem sie keine Zeit miteinander verbrachten, einander sahen oder sprachen.
Hisui drehte leicht den Kopf, um ihn anzusehen; der Ritter stand noch immer neben ihr, den Regenschirm so erhoben, dass Hisui im Trockenen kniete, den Blick ebenfalls auf den steinernen Engel gerichtet, die Miene unlesbar. Hisui musterte ihn von der Seite her und ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie dies tat.
Arcadios war allem Anschein nach einer der Menschen, die es zu spüren schienen, wenn jemand sie ansah – sein Blick traf den ihren nur Sekunden später und hob eine Augenbraue, in Anbetracht ihres Lächelns; fragte, ohne ein Wort zu sagen. Hisuis Lächeln verbreiterte sich – so gut kannten sie einander also schon.
Hisui erhob sich und wandte sich ihm zu. „Ich muss ihr wirklich dankbar sein“, meinte sie mit einem kurzen Blick auf den steinernen Engel, bevor sie Arcadios wieder ansah. „Immerhin verdanke ich es ihr, dass Ihr hier seid.“ Sie trat einen kleinen Schritt nach vorn und hob, nach kurzem Zögern, eine Hand zu seiner Wange. „Ich danke Euch.“
Arcadios' Augen zeigten milde Überraschung, ob der Berührung, doch bewegte er sich nicht einen Zentimeter. Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinen Zügen aus, als er seine freie Hand zu der ihren hob. Er berührte sie nur mit den Fingerspitzen, doch war es genug, um sie zu bewegen, zu dirigieren; Hisui war beinahe überrascht, wie warm das Metall seines Jade-Amuletts war, als ihre Finger, geführt von den seinen, darauf trafen. Ihre Augen waren nun die, die leichte Überraschung zeigten, als sie ihren Blick wieder zu den seinen hob.
„Ich mag vielleicht wegen Ihrer Majestät hier sein, Prinzessin...“, begann er, den Blick ebenfalls kurz zu dem steinernen Abbild der Königin wandern lassend, bevor seine Augen wieder die ihren fanden, „...doch mein Herz gehört Euch und
nur Euch.“ Seine Hand umschloss die ihre für einen Moment; obgleich kurz, so war die Wärme anhand des kalten Wetters doch ungemein angenehm. „Und so wird es auch bleiben“, schloss er schließlich mit einem leichten Nicken, die Stimme ernst, beinahe schon feierlich.
Hisui reagierte vollkommen instinktiv, auch wenn ihr Verstand kurz protestierte; innerhalb eines Momentes hatte sie die Arme um seinen Hals geschlungen und den moderat überraschten Ritter in eine herzliche Umarmung gezogen. Sie konnte spüren, wie er zögerte, konnte hören, konnte
spüren, wie er leise lachte, bevor er ihre Umarmung erwiderte.
Aus dem Augenwinkel nahm sie einen leichten Lichtschein wahr – ein Sonnenstrahl, der sich durch die graue Wolkendecke gekämpft, und nun ihr Gesicht getroffen hatte.
Hisui schmiegte sich ein wenig enger an den Ritter,
ihren Ritter – plötzlich so distanzlos, wie vor drei Jahren schon.
Sie schloss die Augen – und erinnerte sich an Licht. 

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